Lärm und Wahrnehmung
Sunday, September 5th, 2010Wieder zurück in Berlin - nein die letzte Woche zählt nicht - bringe ich wieder eine Geschichte aus meinem Atelier, der Feeman´s Close mit. Anmerkung: Wer eine höhere Erziehung genossen hat, wird Angesichts der Uhrzeiten grinsen.
Einst vor einem Jahr: Ich habe den Pinsel in der Hand und male vor dem Gartenatelier, aus dem Fenster des oberen Ateliers hängt eine Box an einem Kabel auf dem Dach. Das Raumschiff im Hörspiel schießt schon wieder (Lautstärke 55 dB(A)), der Kapitän des schweren Kreuzers erklärt dem Zuhörer gerade (Lautstärke 40 dB(A)) warum die Plasma II Schirme dem Fasenfusions-Strahler nichts entgegenzusetzen haben. Da steht ein Nachbar vor mir und erklärt im Schlafanzug schwitzend - es ist Hochsommer, etwa 9 Uhr abends: “Meine Frau schläft bereits und mein Lärm, der würde sie stören.”
Sofort entgegne ich: “Oh entschuldigen Sie, darf ich Ihr schnell Ohrenstöpsel von oben holen?”
Er ist nicht so begeistert und nach einer halben Stunde gebe ich auf, mein Hörspiel wird ausgeschaltet, ich werfe den Pinsel in die Tonne, schließe den Topf und ziehe mich belästigt ebenfalls in meine Gefilde zurück.
Vor ein paar Wochen. Ich habe meine Arbeit am Vorabend kurz unterbrechen müssen, um einen Schlachtzug in WOW zu leiten, es war furchtbar stressig mit dem neuen Tank aber ok. Zurück an der Arbeit läuft es super und entsprechend reichen sich bis früh morgens die Arbeitsstunden progressiv aneinander. Endlich im Bett schlafe ich auch 3 Stunden bis der erste Nachbar um ca. 8:30 Sammstag-Morgen mit viel Schwung seinen Rasenmäher mit ca. 125 dB(A) direkt im linken Garten. Ich stehe schnell wach werdend auf, mein Kreislauf ist immer noch da und so sprinte ich zum Balkon. Der See liegt noch im Schatten der Bäume in meinem wild überwucherten Atelier Garten. Der Nachbar steht 4 Meter von seinem super lauten Rasenmäher entfernt um einen einzelnes störenden Grashälm-Irrtum seines Mähers manuell zu entrupfen. Ich spare mir den Kommentar gehe splitternackt frierend wieder rein und schließe die Tür. Um 12 Uhr fängt der rechte Nachbar an, mit einer Kreissäge ca. 130 dB(A). Ok, ich gebe das schlafen wieder auf, mache mir einen Tee. Dann unterhalte ich mich sehr sehr laut ca. 60 dB(A) in der Küche und schreie meiner Mutter von 30 cm Entfernung ins Gesicht, was denn heute auf meinem Arbeitsprogramm für das Marketing stünde. Sie versteht nicht, die Säge ist laut. In der Bibliothek ist es leise und die Arbeit beginnt. Am Nachmittag wird es leiser. Der Nachbar mit dem Rasenmäher schräg gegenüber 80 dB(A), dann der andere auf der anderen Seite gegenüber 70 dB(A) Rasenmäher, dann die Straße runter 60 dB(A) mit dem Rasenmäher. Später kommt um 9:30 fällt es auch noch dem letzten ein und da sind wir wieder bei den 55 dB(A) vom Hörspiel. Ich schlafe seelenruhig ein und alles ist in Ordnung.
Am folgenden Montag höre ich Musik um 9 Uhr Morgens, ein Nachbar auf der Straße spricht mich an, ich stehe im Schlafanzug am Briefkasten: “Bitte wie?”
“Ich muss jetzt in die Arbeit, meine Frau schläft noch, könnten Sie einfach die Musik ausmachen?”
Ich antworte sehr höflich und verständnisvoll: “Haben Sie einen Benzin oder Elektisch betriebenen Rasenmäher?”
Er hat nicht verstanden, ich erwarte von Bayern auch keine Toleranz oder Flexibilität hin zu anderen Denkmustern, das ist auch nicht schlimm so. Ich bleibe nochmal kurz stehen und verabschiede mich höflich winkend. Da fragt er mich plötzlich glaubend zu verstehen: “Arbeiten Sie nachts?”
“Ja, das kommt vor” erwidere ich, das versteht er, nickt und tritt seine erste Schicht für heute an, ohne ein weiteres Wort.
Als überaus freundlicher Mensch, der sich ständig für die Welt bei der Welt entschuldigt, hat man den Vorteil, dass alle völlig geschockt sind, ist dies einmal nicht der Fall. Je länger ich die Menschen kenne, desto mehr stelle ich fest, dass man den Menschen Schranken weisen muss, wie kleinen unvernünftigen Kindern, die sich alles nehmen wollen. Vielleicht ist die Höflichkeit nurmehr ebenso subjektiv wie Geräuschquellen subjektiv als nützlich oder aber als störender Lärm empfunden werden können.
